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Die diskursanalytischen und machttheoretischen Arbeiten Michel Foucaults befruchten die sozialwissenschaftliche Debatte schon seit längerem. Doch auch wenn die Inflation wissenschaftlicher Titel mit dem Namen Foucault im Titel verwundern mag, hat die Beschäftigung mit Foucault allein im deutschsprachigen Feld der Diskursanalyse zu einer bemerkenswert fruchtbaren Vielfalt geführt: zu einem Foucault der staatlichen Praktiken (Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann, Thomas Lemke) wie der Geschlechterverhältnisse (Hannelore Bublitz), zu einem strukturalistischen (Rainer Diaz-Bone), einem sprechakttheoretischen (Daniel Wrana) und einem diskurspragmatischen (bei mir selbst), zu einem Foucault der Machtkritik (Siegfried Jäger/Jürgen Link) und einem Foucault intersubjektiv geteilten Wissens (Reiner Keller). Dabei fallen in jüngerer Zeit zunehmend Versuche auf, die theoretischen Anstöße Foucaults auf die Probleme empirischer Sozialforschung anzuwenden – davon zeugt nicht zuletzt der Band von Bührmann/Schneider, der einen theoretischen Rahmen für die Dispositivanalyse im Anschluss an Foucault entwirft und ihre methodischen Konsequenzen ausbuchstabiert.


Mit der Dispositivanalyse verfolgen die Autoren das Ziel, die Diskursanalyse (also die Analyse von „Diskursen als institutionalisierte Aussagenpraktiken“, S. 25) mit der Machtanalyse (also die Analyse gesellschaftlicher Ungleichheit, von Herrschaft und ihrer Probleme) zusammenzubringen. Gegen Laclau/Mouffes Unterfangen, das Soziale im Diskurs aufgehen zu lassen, halten sie an Foucaults Unterscheidung diskursiver Praktiken („Muster des Sprach- und Zeichengebrauchs“, S. 50) und nicht-diskursiver Praktiken fest („Handlungsweisen oder Gesten […], die den Diskurs stützen“, S. 50). Ein Dispositiv bezeichnet demnach ein soziohistorisches Arrangement symbolisch objektivierbarer Wissensordnungen wie material vergegenständlichbarer Handlungsmuster, das sich als Reaktion auf einen gesellschaftlichen „Notstand“ bzw. bestimmte soziale Problemfeldern formiert und Subjektivitätsangebote bereit hält. Im Sinne von Jürgen Link wird der Diskurs als ein symbolischer Raum des Sag- und Denkbaren verstanden, der nach größeren (diskursiven Aggregationen bis zum „Interdiskurs“) oder kleineren Öffentlichkeiten („Spezialdiskurse“ wie die der Wissenschaften)  differenziert werden kann. Als ein historischer Diskurs-Machtkomplex organisiert das Dispositiv gleichsam eine Gesamtheit von Diskurs- und Machtformationen. Damit verbinden die Autoren den Anspruch, diskursive und nicht-diskursive Praktiken in ihren machtförmigen Kodierungen zu fassen und die Analyse gesellschaftstheoretisch einzuholen. Es gilt, Diskurs- und Machtformationen im gesellschaftlichen Sein zu situieren.


Methodisch plädieren die Autoren für historisch-rekonstruktive Analysestrategien, wie sie etwa auch Keller vertritt. Je nach Forschungsfrage greifen sie auf eine Vielfalt methodischer Zugänge der klassischen qualitativen Sozialforschung zurück: Experteninterviews und Dokumentenanalyse, teilnehmende Beobachtung und Biographieanalyse etc. Am Beispiel von eigenen Arbeiten der letzten Jahre zeigen die beiden Autoren abschließend wie Geschlecht (Bührmann) und Tod (Schneider) zum Gegenstand gesellschaftsübergreifender Praktiken werden, die mit bestimmten Subjektivierungen und Objektivationen verbunden sind. Das theoretisch-methodische Programm der Dispositivanalyse fassen die Autoren folgendermaßen zusammen: „Dispositivanalysen beziehen sich empirisch-praktisch auf das diskursive Feld des Gesagten/Ungesagten in seinem Verhältnis zu einem entsprechenden Praxisfeld: Gesagtes/Ungesagtes, Sagbares/Unsagbares ist somit in Verbindung zu bringen mit Getanem/Ungetanem, mit dem Machbaren/dem Unmöglichen vor dem Hintergrund des jeweils durch die diskursiv prozessierten Wissensordnungen und Wahrheitspolitiken bestimmten symbolischen Raums des Denkbaren im Verhältnis zum Undenkbaren.“ (S. 111)


Dieser Band adressiert zentrale theoretische und methodologische Probleme, um die sich die an Foucault angelehnten Sozialforschung bisher meist herumdrückt. Mit dem ambitionierten Entwurf der Dispositivanalyse ist den Autoren ein sehr lesenswerter Beitrag zur kulturwissenschaftlichen Sozialforschung gelungen. Von den zahlreichen Punkten, die die weitere Diskussion befruchten können, möchte ich folgende drei herausgreifen.


  1. 1)Die Unterscheidung diskursiver und nicht-diskursiver Praktiken als analytische Differenz?


Den Autoren geht es darum, die Produktion von Sinn „gesamtgesellschaftlich“ einzubetten, d.h. den Sprachgebrauch (das „Diskursive“?) in einem machtförmig organisierten Terrain sozialer Praktiken (das „Nicht-Diskursive“?) zu situieren. Doch wie schon bei Foucault bleibt etwas unklar, wie diese Unterscheidung mit Blick auf konkrete empirische Gegenstände durchgehalten werden kann. Schon seit Austin ist es ein Allgemeinplatz, dass „sagen“ immer auch „tun“ ist. Gegen die korrelationistische Tendenz, einem Reich der sozioökonomischen Lagen und Interessen ein Reich von Sinn, Denken und Sprache gegenüberzustellen, ist viel angeschrieben worden, und zwar von so unterschiedlichen Seiten wie der poststrukturalistischen Hegemonietheorie (Laclau/Mouffe), von der konstruktivistischen Systemtheorie, von amerikanisch-pragmatistischen Tendenzen wie der ethnomethodologischen Konversationsanalyse und nicht zuletzt auch von der phänomenologischen Wissenssoziologie à la Berger/Luckmann. Läuft die Unterscheidung diskursiv/nicht-diskursiv nicht unterschwellig Gefahr, den analytischen Blick auf die sprachliche Materialität der empirischen Gegenstände zu verstellen? Zumindest bei Foucault scheint genau dies die Konsequenz zu sein, wenn er sich nach der Archäologie von der Diskursanalyse abwendet und das Projekt einer Geneaologie institutioneller Macht- und Disziplinarpraktiken in Angriff nimmt.


  1. 2)Das Dispositiv als ein Modus gesellschaftlicher Ordnungsbildung?


Unübersebar liegt Bührmann/Schneiders Dispositivansatz ein emphatisches Verständnis von Gesellschaftstheorie zu Grunde. Das Soziale wird als ein übergreifender Ordnungs- und Referenzrahmen gefasst, in dem gesprochen und gehandelt wird. Nun ist die „Gesellschaft“ kein so ganz unschuldiges Konzept mehr, wie sie es vielleicht für die klassische Soziologie war.

Ist angesichts aktuell ablaufender Entgrenzungsprozesse („Globalisierung,“

„Neoliberalismus,“ „Postmoderne“…) die Gesellschaft in ihr post-sozietales Stadium getreten (John Urry)? Muss „Gesellschaft“ inzwischen nicht mit einer Reihe von Alternativen konkurrieren (Netzwerk, Weltgesellschaft, Multitude...)? Statt die Frage, wie die Gesellschaft ihrer Einheit Rechnung trägt, wäre vielleicht besser die Frage zu stellen, was zu ihr gehört und was nicht, wo sie anfängt und wo sie aufhört. Die Stärke des Dispositivkonzepts liegt sicher darin, dass es soziale Ordnungsbildungen gerade auch unterhalb „der“ Gesellschaft einfangen kann. Doch ist es vielleicht das durchscheinende Interdiskurskonzept von Link, das den Eindruck nahelegt, dass für Bührmann/Schneider der Diskurs den Platz einnimmt, den für Durkheim das Kollektivbewusstsein hat. Sollte dies zutreffen, wäre die kritische Frage zu stellen, ob nicht die inneren Brüche und Risse, die die Gesellschaft als ein fragiles und auf inneren Widerspruch ausgelegtes Gebilde konstituieren, tendenziell ausgeblendet werden.


  1. 3)Die „historische Methode“ als methodische Strategie?


Mit Blick auf die methodische Umsetzung stützen sich die Autoren auf allgemeine rekonstruktive Strategien der qualitativen Sozialforschung. Sie empfehlen ein offenes, nicht-standardisiertes Herantreten an unterschiedliche Typen von Dokumenten und Materialien. Diese Vorschläge bleibt insofern etwas hinter dem ambitionierten an Foucault angelehnten Theorieprogramm zurück, als theoretische Knackpunkte wie Foucaults Kritik des sprechenden und handelnden Subjekts und die Abgrenzung von Sinnverstehen methodologisch nur teilweise eingeholt zu werden scheinen. Und basieren interpretativ-rekonstruktive Methodologien nicht in vielen Fällen auf einem starken Akteurskonzept, gerade auch die Grounded Theory, der die Autoren nahe zu stehen scheinen? Von der Ethnomethodologie über die Objektive Hermeneutik bis zum Dekonstruktivismus reichen die methodologischen Angebote, die das sprechende Subjekt gewissermaßen dezentrieren, und eine etwas stärkere Positionierung der Autoren wäre aufschlussreich gewesen. Die zwei Beispiele aus der Forschungspraxis illustrieren das Programm der Dispositivanalyse sicher sehr gut. Aber die Prinzipien, nach denen die Gegenstände analytisch erschlossen werden können, bleiben eher vage. Als Problem könnte sich erweisen, dass die makrosoziologisch angelegte Theoriearchitektur dazu auffordert, das Material nach bestimmten gesellschaftstheoretischen Vorannahmen auszusuchen und zu interpretieren. Wie kann man dann aber in der empirischen Analyse der subsumtionslogischen Falle entgehen und die theoretisch generierten Einsichten über den Gegenstand nicht nur einfach mit mehr oder minder systematisch gesammelten Belegen illustrieren?


Vom Diskurs zum Dispositiv ist, zusammenfassend gesagt, ein Muss für alle, die sich über den aktuellen Stand der sozialwissenschaftlichen Forschungspraxis informieren wollen. Mit dem Programm einer Dispositivanalyse führen Bührmann/Schneider die theoretischen und methodologischen Linien zusammen, die in den letzten Jahren im Bereich poststrukturalistischer, kulturwissenschaftlicher und diskursanalytischer Sozialforschung entstanden sind. Der historisch orientierten und qualitativ verfahrenden Soziologie wird damit ein anregendes, umfassendes und in der Forschungspraxis vielfach bewährtes Angebot gemacht.


Johannes Angermüller

Andrea D. Bührmann, Werner Schneider


Vom Diskurs zum Dispositiv

Eine Einführung in die Dispositivanalyse


2008, 180 S., kart., 15,80 €

ISBN 978-3-89942-818-6



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