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Am Beispiel Michel Foucaults lässt sich ein interessanter Effekt des Handbuch- und Einführungs-Booms der letzten Jahre beobachten. Je schneller sich das Sammelbecken der erläuternden Kommentartexte füllt, desto komplexer wird der Gegenstand. Wo einführende Darstellungen eigentlich den Zugang zum Werk des Autors erleichtern sollen, verkompliziert sich die Angelegenheit stattdessen zunehmend. Die vielfältigen und heterogenen Ordnungsmuster, mit denen Foucaults Werk durchleuchtet und strukturiert wird, treten miteinander in Konkurrenz – aus dem Willen zur Klarheit wird ein Distinktionsbegehren, das nicht selten zu Lasten der Sache geht. Der Autor Foucault vermag es freilich auch wie kaum ein anderer, ein um Systematik ringendes und didaktische Aspekte berücksichtigendes Projekt an die Grenzen zu führen. Bei Studienanfängern und interessierten Laien stellte sich da oft Frustration statt Leselust ein.


Die Herausgeber des neuen Foucault Handbuchs im Metzler Verlag stellen sich der Herausforderung, der Komplexität des Foucaultschen Schaffens produktiv beizukommen. Hierfür konnte ein ausgewiesenes Autoren-Team gewonnen werden. Die Gliederung des Handbuchs überzeugt: Einem biographischen Abriss folgt eine übersichtliche Systematisierung der Werke und Werkgruppen, anhand der sich Phasen und Kernthemen in Foucaults Schaffen erkennen lassen. Die wichtigsten Argumentationsstränge und Erkenntnisinteressen der einzelnen Texte werden in kompakten Artikeln mit klarer Linie skizziert. Hierbei wird deutlich, dass die AutorInnen besonders den Aspekt der allgemeinen und disziplinübergreifenden Anschlussfähigkeit des Dargestellten bei der Abfassung ihrer Beiträge im Blick hatten. Dieser Grundsatz macht sich im Rahmen eines solchen Handbuch-Projekts mehr als bezahlt.


Im dritten Abschnitt werden die maßgeblichen Referenzen Foucaults, die zeitgenössischen Rahmungen seines Denkens sowie die zentralen Anschlüsse und Weiterführungen der Foucaultschen Projekte vorgestellt. Fraglos wird dieses Kapitel eine Vielzahl dankbarer Leserinnen und Leser finden. In vielen Einführungen bildet doch gerade Foucaults Spiel mit seinen intellektuellen Referenzen nur einen Nebenschauplatz der Darstellung. Im vorliegenden Handbuch hingegen wird Foucault als Leser und kreativer Exeget angemessen gewürdigt und greifbar.


Kapitel 4 bildet ein höchst brauchbares Glossar der wichtigsten Begriffe und Konzepte: Von ‚Archäologie‘ bis ‚Wissen‘ werden Foucaults zentrale Denkfiguren in ihre Entstehungskontexte eingeordnet, als operative Begriffe profiliert und in ihren Querverbindungen zu anderen semantischen Feldern analysiert. Hier ist gezieltes Nachschlagen ebenso gewinnbringend wie das systematische Studium des gesamten Glossars.


Im letzten Kapitel tritt der Mehrwert des Handbuchs gegenüber anderen Überblicksdarstellungen am deutlichsten hervor: Unter dem Stichwort ‚Rezeption’ werden die Erträge der Adaptionen des Foucaultschen Denkens in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen vorgestellt. Spannend ist hierbei vor allem die Überwindung der Fokussierung auf Fächer wie die Literatur- und Geschichtswissenschaft, für deren Bereiche bereits etliche Untersuchungen zur Wirkung Foucaults vorliegen: Das Foucault-Handbuch bietet neben der Berücksichtigung der traditionellen Fächer damit auch erstmals wichtige Überblicksdarstellungen zu Disziplinen wie der Sportwissenschaft, den Governmentality und Disability Studies sowie auch zu den Naturwissenschaften.


Alle Artikel des Handbuchs bieten in einer kurzen Bibliographie eine Zusammen-stellung der relevantesten Forschungsbeiträge zum jeweiligen Thema und vermitteln so die Möglichkeit zur gezielten Vertiefung einzelner Aspekte und Fragestellungen.


Wer befürchtet hat, dass mit dem Foucault-Handbuch nur ein weiterer Versuch zur gewaltsamen Einhegung eines nie stillstehenden Autors unternommen wurde, kann ganz beruhigt sein. Freilich: Verknappung an der einen oder anderen Stelle lassen sich auch hier nicht vermeiden. In der Summe überzeugt das Handbuch jedoch auf der vollen Linie und wird nicht nur Einsteiger begeistern, sondern auch den Eingelesenen manch interessante Einsicht und neue Perspektive vermitteln können.


J.S.

Clemens Kammler/Rolf Parr/

Ulrich Johannes Schneider (Hrsg.)


Foucault-Handbuch
Leben - Werk - Wirkung
Unter Mitarbeit von Elke Reinhardt-Becker
VIII, 454 S., Gebunden
Preis: EUR 49,95
ISBN: 3-476-02192-0
ISBN: 978-3-476-02192-2



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