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Die Literaturwissenschaft hat es nicht leicht. Dass dies so ist, wird von etlichen Trauerschriften regelmäßig und ausführlich beklagt. Gegenstandsverlust, fortschreitende Spezialisierung, evidentes Legitimationsdefizit; dies sind einige der beliebten Argumentationsfiguren, die seit mehreren Jahren diskursbestimmend sind. Erstaunlicherweise sind es aber gerade diese Problematisierungen, die der Literaturwissenschaft einen Produktivitätsschub verliehen, der hinsichtlich seiner Wirkungsmächtigkeit durchaus an die Methodendebatten der 70er und 80er Jahre anschließen kann. Neben die intensiv betriebene Editions- und Interpretationspraxis trat ein komplexer und mittlerweile hochgradig ausdifferenzierter Diskussionszusammenhang, der sich schnell die wesentlichen Schlagworte „Interdisziplinarität“ bzw. „Kulturwissenschaft“ einverleibte und damit die Anschlussfähigkeit der Literaturwissenschaft an übergreifende Diskussionen der Geistes- und Humanwissenschaften sicherstellte. Doch auch hierbei verläuft sich der Enthusiasmus mittlerweile wieder in der disziplinären Alltäglichkeit und – von einigen Ausnahmen abgesehen – die Gefahr der Reduzierung der kulturwissenschaftlichen Paradigmen auf eine reine Etikettierungsfunktion nimmt bedrohlich zu. Bleibt zu fragen, warum dies so ist bzw. sein muss? Warum werden die Angebote, die die Konzepte der Kulturwissenschaften der Literaturwissenschaft offeriert, nur unzureichend angenommen und umgesetzt, welche Zwänge oder Traditionen sind verantwortlich für den status quo, der ja so ausführlich und vielerorts beklagt wird?

Dieser Frage stellt sich die Literaturwissenschaftlerin und Ethnologin Marie Antoinette Glaser in ihrer Studie „Literaturwissenschaft als Wissenschaftskultur. Zu den Praktiken, Mechanismen und Prinzipien einer Disziplin“, indem sie den oben umrissenen Problemfeldern innerhalb der Literaturwissenschaft gewissermaßen mit einer Umkehrung der gewohnten Perspektive auf das Verhältnis von literatur- und kulturwissenschaftlichem Diskurs begegnet. Nicht etwa um die Möglichkeiten der Integration von ethnographischen Methoden in die literaturwissenschaftliche  Praxis geht es der Wissenschaftlerin in Ihrer Dissertationsschrift, sondern um die Anwendung dieser Verfahren auf das alltägliche Tun von LiteraturwissenschaftlerInnen. Sie lenkt den Fokus auf die disziplinäre Innenwelt der Literaturwissenschaft, die zugleich das soziale Terrain für die Aushandlung der Identität – und somit auch der Krise – des Fachs stellt. Das Ziel der Untersuchung besteht somit darin, „[…] Aussagen über kulturelle Praktiken und über Prinzipien, Normen und Mechanismen der Literaturwissenschaft zu treffen[…]“, die konstitutiv für die aktuelle Situation der Literaturwissenschaft sind und zugleich einem Verständnis von Wissenschaft als Wissenschaftskultur den Weg bereiten, das den sozialen Raum, den die Literaturwissenschaft bieten, nicht als spannungsfreies Feld modelliert, sondern, im Sinne Bourdieus, als Ort der Kämpfe und Chance, der durch Hierarchien bestimmt und kontrolliert, also sozial verhandelt und verwaltet ist. Es stehen also weniger die inhaltlichen Aspekte des Wissens im Zentrum der Untersuchung, sondern vielmehr die Kontexte, die variieren und steuern, „[…] wie wir wissen, was wir wissen.“

Glaser bedient sich zur Bewältigung dieser Herausforderung einer an den Methoden der qualitativen Sozialforschung orientierten Mixtur aus Bourdieuscher Habitus-, Feld- und Praxis- Theorie, Geertzscher „Dichter Beschreibung“, dem Konzept der an naturwissenschaftlicher Praxis geschulten „epistemic cultures“, teilnehmender Beobachtung in Einführungsveranstaltungen an der Universität Wien, leitfadenorientierter Interviews sowie der Textanalyse ausgewählter einführender Texte, um so der Verfasstheit der Wissenschaftskultur der Literaturwissenschaft auf die Spur zu kommen. Das klingt kompliziert, ist es jedoch im vorliegenden Fall nicht. Dies kommt u.a. dadurch zustande, dass Glaser gut die Hälfte ihrer Untersuchung auf die Darstellung allgemeiner – abschnittweise zu allgemeiner – Grundlagen der für die Untersuchungsmethode relevanten Konzepte aufbringt, wobei einzig der Ansatz Karin Knorr-Cetinas zur „Wissenskultur“ Neues und durchaus Reizvolles für den interessierten und nicht gänzlich Unkundigen bereithält.

Glaser projiziert dieses methodische Konzept im Weiteren auf die Praktiken und Prinzipien, die der Gestaltung ausgesuchter Einführungsveranstaltungen zugrunde liegen und fördert so Befunde zu Tage, die fraglos einleuchten, mir jedoch nicht so gänzlich neu erscheinen.

Glasers Studie trägt beispielsweise dazu bei, die Bedingungen, die dazu führen, dass vor allem Studienanfänger ein distanziertes Verhältnis zur literaturwissenschaftlichen Praxis aufbauen, transparent zu machen. Sie plädiert für die Formen des „hinterfragenden“ Wissens, die es ermöglichen sollen, die Wege und Umwege, die durch den literaturwissenschaftlichen „Habitus“ vorgegeben und eingefordert werden, sicherer zu beschreiten und die Grenzen zwischen sagbar und unsagbar deutlicher zu greifen.

Die Verfremdung der eigenen Praxis und die Anwendung von – im weitesten Sinne – ethnographischen Methoden stellen einen interessanten Ansatz dar, der viele intuitive Einsichten, die die literaturwissenschaftliche Forschung und Lehre schon länger umgeistern, begründen und plausibilisieren. Geht es also darum, literaturwissenschaftliches Erfahrungswissen  zum Zwecke der interdisziplinären Kommunikation zu objektivieren bzw. den Blick von Methoden und Paradigmen auf den durch die literaturwissenschaftliche Praxis konstituierten soziale Handlungsraum zu lenken, kann Glasers Untersuchung fraglos als methodisch innovative Initiation zur weiteren Forschung verstanden werden. Literatur- bzw. Kulturwissenschaftler tun gut daran, sich dem Konzept der „Wissenskultur“ zu öffnen. Dies konnte Glaser mittels einer interessanten und kundigen Argumentation belegen. Misst man die Studie jedoch an den konkreten Erträgen der quasi-empirischen Untersuchungen für das Beispiel der Universität Wien, kommt man nicht umhin zu fragen, ob dies nicht auch einfacher zu haben gewesen wäre.

Marie Antoinette Glaser

Literaturwissenschaft als Wissenschaftskultur

Zu den Praktiken, Mechanismen und Prinzipien einer Disziplin

Studien zur Germanistik, Bd. 14

Hamburg 2005, 208 Seiten

ISBN 3-8300-1824-X