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Rezensionen

Handbuch

Literaturwissenschaft & Metzler Lexikon Literatur

Neuerscheinungen Kulturwissenschaften

Nippes

Querformat. Zeitschrift für ZeitgenössischesKunst, Populärkultur

Zeitschrift für Kulturwissen

schaften, Heft 2/2008:

Räume

EUPHORION
Zeitschrift für Literaturgeschichte Heft 3/2008

Der publikationsstrategische Erfolg des Metzler-Verlags im Bereich der philologischen und kulturwissenschaftlichen Studienliteratur bricht nicht ab. Kaum ein Studierender, der nicht schon mindestens eines der zahlreichen Handbücher und Lexika oder eine Einführung konsultiert oder gar in die private Handbibliothek eingeordnet hätte.


Mit dem Handbuch Literaturwissenschaft und der 3., völlig neu bearbeiteten Auflage des Metzler Lexikons Literatur baut der Verlag sein Programm nun zur literatur-wissenschaftlichen Vollversorgung aus. Dass Stofffülle und wissenschaftliche Präzision nicht im Gegensatz zur effektiven didaktischen Organisation und Studientauglichkeit stehen müssen, führen die AutorInnen beider Nachschlagewerke eindrucksvoll vor. Die Ergebnisse wissenslogistischen Großprojekte sind je für sich und in Kombination miteinander für Studierende, Lehrende wie auch für Schülerinnen und Schüler der gymniasalen Oberstufe uneingeschränkt zu empfehlen sind.


Knapp 1430 Seiten, beinahe 70 Mitarbeiter, ein Herausgeber: Das sind die Grunddaten eines Projekts, das angetreten ist, eine aktuelle Bilanz der Literaturwissenschaft zu ziehen. Aber nicht nur eine Nationalphilologie steht im Fokus des dreibändigen Handbuchs. Es sollen die transnationalen Ausprägungen literaturwissenschaftlicher Theorie und Praxis in ihren vielfältigen Spielarten und Vernetzungen, Entgrenzungen und Spezialisierungen versammelt und allgemeinverständlich dargestellt werden. Damit überwindet Thomas Anz, der Marburger Herausgeber des Handbuchs, die bekannten Formate literaturwissenschaftlicher Studienliteratur – und hat Erfolg damit. Die Einzelbeiträge bieten jeweils eine umfassendere und systematischere Präsentation des zu erläuternden literaturwissenschaftlichen Gegenstandes, Begriffs etc. als dies etwa durch die knapp gehaltenen Einführungsalternativen in die Literaturwissenschaft geleistet wird (und geleistet werden kann).


In Band 1 („Gegenstände und Grundbegriffe“) stehen die Basiselemente literarischer Kommunikation im Mittelpunkt. Den Anfang macht Jost Schneider mit einer grundlegenden Bestimmung des Literaturbegriffs, die auf seine renommierte Einführung in die moderne Literaturwissenschaft zurückgreift und in der für das Handbuch komprimierten Form ihre Funktion trefflich erfüllt. Die mittlere Abstraktionsebene und die durchdachte Organisation des Textes empfehlen bereits diesen ersten Beitrag nicht nur für das universitäre Studium, sondern auch für die propädeutische Arbeit im schulischen Literaturunterricht.


Die folgenden Beiträge zu Texttypen und Schreibweisen, stilistischen Textmerkmalen und den Grundstrukturen literarischer Textwelten führen die klare Linie der Darstellung und die gute Lesbarkeit ebenso fort wie die Kapitel zu „Autor“ und „Leser“. Hierbei bleibt die Perspektive aber nicht auf einen engen Literaturbegriff beschränkt. Im Kapitel „Medialität“ werden mit den Konzepten der „Intermedialität“ und „Hypertextualität“ Aspekte der Interaktion von Sprache, Schrift und Bild vorgestellt, die für die Literaturwissenschaft vor allem im Rahmen ihrer medienwissenschaftlichen Erweiterung zunehmend an Bedeutung gewinnen. Im Weiteren werden die maßgeblichen Institutionen der Literaturvermittlung (u.a. Theater, Buchhandel, Bibliothek, Literaturunterricht) vorgestellt. Es werden die Hauptlinien ihrer historischen Entwicklung nachgezeichnet und ihre Teilhabe am gegenwärtigen Literaturbetrieb bestimmt.


Die Beziehungen von Literatur und anderen gesellschaftlichen Feldern wie Religion, Politik oder Wirtschaft werden im Kapitel „Kontexte“ beleuchtet, das durch Moritz Baßlers instruktiven Beitrag zur theoretischen Bestimmung von Text und Kontext eingeleitet wird. Dietmar Till, Ingo Stöckmann und York-Gothart Mix beschließen den ersten Band des Handbuchs mit Beiträgen zur Normierung und Reflexivität literarischer Kommunikation. Zur Sprache kommen dabei neben dem unweigerlich mit der Geschichte der Literatur verbundenen Phänomen der Zensur sowohl die besonders in historischer Perspektive relevante Abhängigkeit der Produktion literarischer Texte von poetischen und rhetorischen Vorgaben und Normen als auch die bis in die Gegenwart reichende Bedeutung ästhetischer Theorien für die Wahrnehmung von Literatur.


In Band 2 („Methoden und Theorien“) werden die im ersten Band explizierten Grundlagen in vielen Aspekten vertieft. Hier findet sich nach einführenden Erläuterungen zu den grundlegenden Verfahren der Editions- und der verstärkt an Bedeutung gewinnenden Computerphilologie ein knapp 200 Seiten umfassendes Kapitel zur „Textanalyse und Textinterpretation“. Dort werden die Bedingungen, Voraussetzungen und Verfahrensweisen der literaturwissenschaftlichen Bearbeitung der wichtigsten literarischen Textsorten, aber auch – ganz im Sinne des weiten Literaturbegriffs - von Grenzfällen des traditionell literarischen Feldes systematisch dargestellt und anwendungsorientiert erläutert.


Über die Positionen und Verfahren der literarischen Wertung informiert im Folgenden Simone Winko gefolgt von Jörg Schönert, der in seinem Beitrag zur „Literaturgeschichtsschreibung“ offenlegt, über welche Ordnungsmuster, Konzepte und Theorien die Literaturwissenschaft verfügt, um ihren Gegenstand in historischer Perspektive systematisch in den Blick zu bekommen.


Eine zentrale Stellung in diesem Band nimmt das von Simone Winko und Tilmann Köppe verfasste Kapitel „Theorien und Methoden der Literaturwissenschaft“ ein. Gerade in den letzten Jahrzehnten hat sich in der Literaturwissenschaft ein Methoden- und Theoriepluralismus ausgebildet, der besonders den Studienanfängern die Orientierung erschwert. Winko und Köppe stiften Ordnung in dieser Vielfalt, indem sie die Theorien nach deren jeweiligen Fokussierungen und Stoßrichtungen sortieren, aber auch die maßgeblichen intertheoretischen Relationen herausarbeiten. So entsteht ein Panorama aktueller Ansätze der Literaturwissenschaft, das verständlich bleibt, ohne die Komplexität des Theoriediskurses unzulässig zu reduzieren.


Wurden in Band 1 bereits die wesentlichen gesellschaftlichen Kontexte von Literatur vorgestellt, so spezifiziert das hervorragende Kapitel „Literaturwissenschaft und ihre Nachbarwissenschaften“ nun die Zusammenhänge der Disziplin mit Fächern wie Sprach-, Medien-, Sozial- oder Geschichts- aber auch Naturwissenschaften. Anschaulich wird der Zugriff der Fächer auf Wissensbestände der Literaturwissenschaft herausgearbeitet und auf inter- und transdisziplinäre Konvergenzen hingewiesen. Oliver Jahraus’ einleitenden Bemerkungen zu den aktuellen Entwicklungen in Wissenschaftspolitik und Wissenschaftssystematik verdeutlichen die Relevanz und Bedeutung Fächergrenzen überschreitenden Denkens und Forschens.


Der dritte Band („Institutionen und Praxisfelder“) wartet mit einem knapp 200seitigen wissenschaftsgeschichtlichen Kapitel auf, das aufgrund der momentanen Konjunktur der Wissenschaftsgeschichte unter den Literaturwissenschaftlern sicherlich das größte Interesse auf sich ziehen wird. Die Teilkapitel, die sich mit der Genealogie der Literaturwissenschaft, ihrer jeweiligen nationalphilologischen Ausprägung, der Institutionengeschichte seit dem 19. Jahrhundert und mit den Entwicklungen seit 1968 befassen, sind bei den AutorInnen in den besten Händen. Lutz Danneberg, Wolfgang Höppner, Ralf Klausnitzer und Dorit Müller demonstrieren eindrucksvoll, wie interessant, spannend und lesbar Fachgeschichte schreibbar ist. Das Kapitel „Geschichte der Literaturwissenschaft“ bietet somit einen wunderbaren Überblick über die Geschichte des Fachs und einen optimalen Einstieg in das wichtige Feld der Wissenschaftsgeschichte.


Der zweite Teil dieses Bandes widmet sich der Literaturwissenschaft als Institution der Gegenwart. Als solche sah sie sich besonders in den letzten Jahren mit grundlegenden Reformen konfrontiert, die sich nachhaltig auf die Struktur des Fachs auswirken. Holger Dainats Beitrag zur „Hochschullehre“ vermitteltet ein transparentes Bild der historischen Entwicklung des Zusammenhangs von wissenschaftlicher Forschung und Bildungsauftrag in der Literaturwissenschaft. Der ausgewogenen Darstellung der Konsequenzen des Bologna-Prozesses bleibt nichts hinzuzufügen und Dainats klare Analyse der Chancen und Risiken der Studienreform weisen ihn als einen der wichtigen Kenner des Wissenschaftsbetriebs in Deutschland aus.


Vor allem für Studierende, aber auch für Schülerinnen und Schüler, die sich noch mit der Wahl des passenden Studiengangs abmühen, bietet das Kapitel „Berufsfelder“ wichtige Unterstützung und Orientierung. Klar und ungeschönt informieren die AutorInnen über die Chancen und beruflichen Perspektiven, die ein literaturwissenschaftliches Studium bietet, wobei neben den ‚Berufsklassikern’ Schule, Archiv oder Verlag auch neuere Tätigkeitsfelder wie Literaturhäuser- und Festivals und der große Bereich der Medien berücksichtigt werden. Die Einzelbeiträge dieses Kapitels umfassen dabei sowohl Grundsätzliches zu den jeweiligen Aufgabengebieten, als auch erfreulich praktische Erwägungen, die bei der Planung des individuellen Berufsweges äußerst hilfreich sind.


Das letzte Kapitel des Handbuchs widmet sich den Formen literaturwissenschaftlichen Schreibens, Recherchierens und Publizierens. Die wesentlichen Formate literaturwissenschaftlichen Schreibens wie etwa die Monografie, der Sammelband und die Rezension werden in ihren Strukturen historisch und systematisch dargestellt. Der Band wird beschlossen durch einen Beitrag zu den Hilfsmitteln und Methoden literaturwissenschaftlicher Recherche und einer vom Herausgeber Thomas Anz verfassten Vorschule wissenschaftlichen Schreibens. In beiden Fällen orientieren sich die AutorInnen an den Erfordernissen des akademischen Alltags und ersetzen damit im Grunde eine zusätzliche Einführung in die Arbeitstechniken des literaturwissenschaftlichen Studiums.


Im Anhang findet sich neben einem detaillierten Gesamtinhaltsverzeichnis auch ein Sach- und Personenregister. Die Navigation in dem umfangreichen Nachschlagewerk wird damit erleichtert und das zügige Auffinden thematisch verwandter Einträge ermöglicht. Die Beiträge aller Bände schließen mit einer Bibliographie der wichtigsten Literatur zum Thema, so dass ein gezieltes Weiterlesen problemlos möglich ist.


Einen konzentrierteren, im jeweiligen Einzelfall dann freilich knapperen Zugriff auf literaturwissenschaftliches Wissen als das Handbuch Literaturwissenschaft bietet das Metzler Lexikon Literatur, das nun in der 3., völlig überarbeiteten, von Dieter Burdorf, Christoph Fasbender und Burkhard Moennighoff herausgegebenen Auflage vorliegt. Das ursprünglich von Günther und Irmgard Schweikle begründete Lexikon zählt längst zu den bewährten Nachschlagewerken in den philologischen Fächern. Für die Neuauflage wurde es nun nach über zwanzig Jahren von Grund auf überarbeitet. Unter Mitarbeit von mehr als 300 ausgewiesenen LiteraturwissenschaftlerInnen aus dem In- und Ausland ist das Lexikon nun auf über 4000 Einträge angewachsen. Hierfür wurde nur eine schmale Auswahl der Artikel aus der alten Auflage übernommen und vollständig aktualisiert. Der Großteil der Einträge wurde komplett neu verfasst.


Das Ergebnis der Überarbeitung kann sich ohne Einschränkungen sehen lassen. Von „Abbildtheorie“ bis „Zynismus“ hält das Lexikon allen kritischen Stichproben stand und bietet neben sehr lesbaren Artikeln und brauchbaren Literaturhinweisen eine hervorragende Verweisstruktur, über die sich begriffliche und thematische Zusammenhänge problemlos erschließen lassen. Das Lexikon schafft eine Balance zwischen den literaturgeschichtlichen Grundlagen des europäischen Raums, literaturtheoretischem Basisinventar sowie den Grundbegriffen der Rhetorik und Poetik und den aktuellsten Tendenzen der kultur- und medienwissenschaftlichen Erweiterungen des Fachs, ohne aber zu überdecken, dass es sich hier im Kern um ein Nachschlagewerk zur Literatur bzw. Literaturwissenschaft handelt.


Das Handbuch Literaturwissenschaft und das Metzler Lexikon Literatur bieten eine literaturwissenschaftliche Vollversorgung, die nicht nur für Studierende und Lehrende der Literaturwissenschaft zur Grundausstattung gehören sollte. Auch für den schulischen Literaturunterricht, für Literatur- und Wissenschaftsinteressierte in vielen Berufsfeldern oder zur Stillung des privaten Literatur-Wissenshungers sind die beiden Nachschlagewerke unbedingt zu empfehlen. In der Kombination ergibt sich dann ein geballtes Wissensrepertoire, das ein gezieltes Ergänzen und Vertiefen nahezu aller literaturwissenschaftlichen Sachfragen ermöglicht.

Natürlich spielen Lexikon und Handbuch in unterschiedlichen Preisligen. 199,95 Euro für das Handbuch Literaturwissenschaft dürften nur wenige Studierende unmittelbar in das gebührengeplagte Budget einkalkulieren können. Dafür erhält man dann aber beste gebundene Metzler-Qualität, die das Lexikon Literatur mit dem schlankeren Preis von 29,95 Euro freilich ebenso auszeichnet. Ob also Handbuch oder Lexikon (oder beides), bestens beraten ist man in jedem Fall.

Thomas Anz (Hrsg.)
Handbuch Literaturwissenschaft
Gegenstände - Konzepte - Institutionen
XIX, 1428 S., 3 Bände im Grauschuber.

Je Band ca. 500 S., Geb.
Preis: EUR 199,95
ISBN: 3-476-02154-8
ISBN: 978-3-476-02154-0



Dieter Burdorf/Christoph Fasbender/

Burkhard Moennighoff (Hrsg.)
Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen
Begründet von Günther Schweikle und Irmgard Schweikle
3., völlig neu bearbeitete Auflage
IX, 845 S., Gebunden
Preis: EUR 29,95
ISBN: 3-476-01612-9
ISBN: 978-3-476-01612-6